Das System hinter dem Rauschen

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Deutschland hat die Welt gerettet. Fast jedenfalls.

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Deutschland hat die Welt gerettet. Fast jedenfalls.

Umweltminister Carsten Schneider erklärt, warum die Welt heute nicht mehr auf fünf Grad Erwärmung zusteuere. Deutschland habe erneuerbare Energien "mit erfunden" und "marktgängig gemacht". Ohne diese Entwicklung wären wir bei fünf Grad, heute eher bei 2,7 Grad.

Das klingt beeindruckend. Die Zahlen erzählen allerdings eine andere Geschichte. Der Climate Action Tracker errechnete 2015 unter der damals tatsächlich umgesetzten weltweiten Klimapolitik eine Erwärmung von etwa 3,6 Grad bis 2100. 2025 waren es rund 2,6 Grad. Das ist ein erheblicher Fortschritt, aber eben nicht von fünf auf 2,7 Grad und schon gar nicht allein durch Deutschland.

Auch das UN-Umweltprogramm UNEP kommt auf andere Größenordnungen: Mit der derzeit weltweit umgesetzten Politik werden rund 2,8 Grad erwartet. Werden die nationalen Klimazusagen vollständig umgesetzt, sind es etwa 2,3 bis 2,5 Grad. Zum Zeitpunkt des Pariser Abkommens lagen die Projektionen bei ungefähr 3 bis 3,5 Grad.

Woher kommen dann die fünf Grad? Hier liegt das eigentliche Problem der Aussage.

Fünf Grad sind kein Messwert dafür, was ohne deutsche Klimapolitik passiert wäre. Solche hohen Werte stammen aus globalen Emissionsszenarien mit entsprechenden Annahmen über fossile Energien, Wirtschaft, Bevölkerung und zukünftige Emissionen.

Ein Szenario ist aber keine Vorhersage. Wenn ein früher betrachtetes Hoch-Emissions-Szenario heute weniger wahrscheinlich erscheint, kann man die Differenz nicht einfach der Politik eines einzelnen Landes gutschreiben. Deutschland hatte Einfluss, aber nicht allein Deutschland spielte tatsächlich eine wichtige Rolle beim frühen Ausbau von Wind- und Solarenergie und schuf einen großen Markt für diese Technologien.

Doch auch hier ist die Geschichte international. Gerade China hatte enormen Einfluss auf die Kostenentwicklung der Photovoltaik. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA investierte China seit 2011 mehr als 50 Milliarden Dollar in zusätzliche PV-Produktionskapazitäten. Bei den wesentlichen Produktionsstufen der Solarindustrie erreichte China Anteile von mehr als 80 Prozent.

Deutschland war also ein wichtiger Impulsgeber. Aber Deutschland hat weder allein die Solarenergie wirtschaftlich gemacht noch der Welt mehrere Grad Erwärmung erspart.

Eine Übertreibung, die gar nicht nötig wäre Das Kuriose daran: Die tatsächliche Entwicklung ist durchaus bemerkenswert. Von etwa 3,6 Grad 2015 auf 2,6 Grad 2025 beim Climate Action Tracker ist eine erhebliche Verbesserung der globalen Projektion. Daran haben Klimapolitik, technischer Fortschritt und der weltweite Ausbau erneuerbarer Energien gemeinsam Anteil.

Das wäre eine vollkommen legitime Erfolgsgeschichte.

Aus dieser internationalen Entwicklung jedoch sinngemäß "ohne unseren Beitrag fünf Grad, heute 2,7 Grad" zu machen, verwandelt eine komplexe Entwicklung in politische Selbstüberschätzung.

Deutschland hat seinen Beitrag geleistet. Aber Deutschland hat der Erde keine 2,3 Grad vom Thermostat gedreht.

Und morgen wird vermutlich auch das Rote Meer geschlossen bleiben.

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