Zehn Jahre Pflicht. Und was kommt zurück?

Der Staat nimmt jedem Kind in diesem Land zehn Jahre seines Lebens. Nicht als Angebot. Als Pflicht, durchsetzbar mit Bußgeld und notfalls mit Zwang.
Ich halte das für richtig. Ich halte es sogar für eine der besten Entscheidungen, die dieses Land je getroffen hat.
Und genau deshalb rede ich nicht darum herum, was aus ihr gemacht wurde.
-> Erst das Lob. Es ist ernst gemeint.
Die Schulpflicht ist kein bürokratischer Einfall, um Familien zu gängeln. Sie ist ein zivilisatorischer Fortschritt.
Sie entkoppelt die Bildung eines Kindes vom Zufall seiner Geburt. Ob die Eltern Geld haben, Zeit haben, lesen können, überhaupt Interesse haben — für den Anspruch des Kindes auf Bildung spielt es keine Rolle. Sie ist ein Schutzschirm: Ein Kind, das täglich in einem Klassenzimmer sitzt, wird von Menschen außerhalb der Familie gesehen. Vernachlässigung fällt auf. Abschottung fällt auf. Und sie ist der letzte Ort, an dem Kinder aus völlig verschiedenen Elternhäusern jeden Morgen denselben Raum betreten. Wer das für Folklore hält, hat nicht verstanden, wie schnell eine Gesellschaft in Parallelwelten zerfällt.
Auch im System selbst funktioniert Wesentliches. Die technische Ausstattung der Schulen hat sich in zehn Jahren deutlich verbessert, der DigitalPakt hat an dieser Stelle geliefert, das bestätigt die internationale ICILS-Studie ausdrücklich. Es gibt bundesweite Bildungsstandards. Es gibt mit dem IQB eine Institution, die ehrlich misst und die eigenen schlechten Zahlen veröffentlicht, statt sie zu frisieren. Und es gibt Hunderttausende Lehrkräfte, die unter Bedingungen arbeiten, die man keinem Ingenieur zumuten würde, und trotzdem jeden Morgen antreten.
Das ist die Basis. Ab hier wird es unangenehm.
-> Eine Pflicht ist ein Vertrag
Wer zehn Jahre Lebenszeit einfordert, schuldet zehn Jahre Inhalt.
Das ist der ganze Punkt. Die Schulpflicht ist kein Selbstzweck, sondern ein Tausch: Freiheit gegen Qualifikation. Der Eingriff in die Rechte von Eltern und Kindern ist gewaltig, und er ist gerechtfertigt, aber nur so lange, wie die Gegenseite ihren Teil erfüllt.
Der Staat verteidigt seit Jahren die Pflicht und schuldet die Gegenleistung. Er ist im Verzug, und er weiß es, weil er selbst die Messungen bezahlt, die es belegen.
Deshalb steht die Abschaffungsforderung überhaupt im Raum. Sie ist nicht die Ursache des Vertrauensverlusts. Sie ist seine Quittung.
-> Was nicht geliefert wird
Man muss nichts vermuten. Die Zahlen stammen vom Staat selbst.
IQB-Bildungstrend 2024, neunte Klasse: Rund 34 Prozent verfehlen den Mindeststandard in Mathematik für den Mittleren Schulabschluss. Jeder Dritte. Knapp 9 Prozent schaffen nicht einmal den Mindeststandard für den Ersten Schulabschluss. In allen vier untersuchten Fächern werden die Regelstandards seltener erreicht als 2018 und 2012.
IQB-Bildungstrend 2021, vierte Klasse: Zwischen 18 Prozent (Zuhören) und 30 Prozent (Orthografie) verfehlen die Mindeststandards, in Mathematik rund 22 Prozent. In einzelnen Ländern deutlich mehr.
Am Ende der Schulzeit: Über 64.000 Jugendliche haben 2025 die Schule ohne Abschluss verlassen, ein Anstieg um mehr als ein Drittel in drei Jahren. In fünf Bundesländern liegt die Quote über zehn Prozent. Das ist eine Kleinstadt pro Jahrgang, entlassen mit einer Qualifikation, die für keine Berufsausbildung reicht.
Der Mindeststandard ist übrigens keine ambitionierte Zielmarke. Das IQB definiert ihn als das Minimum, das zu diesem Zeitpunkt erreicht sein sollte. Wir reden nicht über Exzellenz. Wir reden über die Untergrenze.
Und dann kommt der Befund, an dem sich alles entscheidet.
-> Der Beweis, dass es nicht am Geld liegt
Auf jede dieser Zahlen folgt derselbe Reflex: zu wenig Mittel, zu wenig Ausstattung, zu wenig Digitalisierung. Diese Antwort ist widerlegt, durch die eigenen Daten des Systems.
Die ICILS-Studie misst seit 2013 alle fünf Jahre die digitalen Kompetenzen von Achtklässlern. Ergebnis 2023: Der Anteil mit nur rudimentären Fähigkeiten stieg von 30 auf über 40 Prozent. Der Punktwert fiel von 518 auf 502. Genau 1,1 Prozent erreichen die höchste Kompetenzstufe. Einer von hundert.
Im selben Zeitraum wurde die Ausstattung, laut derselben Studie, massiv verbessert. Milliarden aus dem DigitalPakt. Mehr Geräte, schnelleres Netz, häufigere Nutzung durch Lehrkräfte.
Geld rein. Hardware rein. Kompetenz runter.
Das ist kein Ausstattungsproblem. Das ist ein Inhalts- und Methodenproblem, und zwar eines, das man mit keinem weiteren Sonderprogramm wegfinanziert. Man kann in jeden Raum ein Display hängen und trotzdem nicht beibringen, wie man eine Quelle prüft, eine Behauptung gegenrechnet, ein Ergebnis weiterverarbeitet. Nur 43 Prozent der Schulen halten die gezielte Förderung von Informationssuche und -bewertung überhaupt für sehr wichtig. Nur rund 10 Prozent der Achtklässler besuchen eine Schule mit adaptiven Lernsystemen, international sind es 23,5 Prozent, also mehr als das Doppelte.
Wer aus diesen Daten "mehr Tablets" herausliest, hat sie nicht gelesen. Er hat die Pressemitteilung gelesen.
+> Vier Dinge, die sich ändern müssen
1. Wer unterrichtet, muss das Fach beherrschen. Laut IQB-Bildungstrend 2024 haben in den getesteten Klassen 7 bis 9 Prozent der Lehrkräfte an Gymnasien keine Lehrbefähigung im jeweiligen Fach, an nichtgymnasialen Schularten 14 bis 21 Prozent. Bis zu jede fünfte Mathematikstunde wird dort von jemandem gegeben, der Mathematik nie studiert hat. Und dann wundert man sich über die Mathematikergebnisse. Kein Betrieb der Welt würde so produzieren und anschließend die Fehlerquote diskutieren. Der Lehrkräftemangel ist real, je nach Rechnung fehlen bis 2035 zwischen 30.000 und über 150.000 Stellen. Aber ein Mangel erklärt ein Problem. Er entschuldigt nicht, ihn zwanzig Jahre lang kommen zu sehen und nicht zu handeln.
2. Unterrichtszeit ist ein Budget, kein Wunschkonzert. Eine Schulwoche hat eine feste Zahl an Stunden. Jede Stunde für ein Projekt, eine Themenwoche, eine Kampagne ist eine Stunde weniger für Lesen, Rechnen, Schreiben, Naturwissenschaft. Das ist keine Meinung, das ist Arithmetik. Solange ein Drittel eines Jahrgangs an der Mindestmathematik scheitert, ist jede Erweiterung des Lehrplans eine Entscheidung gegen dieses Drittel, getroffen von Leuten, deren eigene Kinder nicht zu den betroffenen gehören. Kernkompetenzen zuerst. Alles andere, wenn Luft ist.
3. Ordnung ist keine Nebensache. Sie ist die Voraussetzung. Es lernt niemand in einem Raum, in dem jemand Angst hat. Wer Mitschüler bedroht, wer versucht, andere religiös oder ideologisch unter Druck zu setzen, wer Unterricht dauerhaft unmöglich macht, muss Konsequenzen erleben, sofort, dokumentiert, ohne halbjährige Zuständigkeitsschleife und ohne dass die Lehrkraft am Ende diejenige ist, die sich rechtfertigen muss. Das ist kein Angriff auf Zuwanderung. Es ist die Bedingung dafür, dass Integration überhaupt stattfinden kann, denn sie findet im Klassenzimmer statt oder nirgends. Und sie findet nicht statt, wenn 25 Kinder die Rechnung für ein einziges bezahlen, das sich an nichts hält. Schulen brauchen dafür Rückendeckung, Personal und Verfahren, keine Handreichungen.
4. Messen ohne Konsequenz ist Dekoration. Wir haben mit IQB, PISA, IGLU und ICILS eines der besten Messsysteme der Welt. Was fehlt, ist der zweite Schritt. Der IQB-Bildungstrend 2024 erzeugte drei Tage Schlagzeilen, dann zog die Karawane weiter. Kein Amt wackelte, kein Kurs änderte sich, kein Verantwortlicher musste erklären, warum sich unter seiner Aufsicht seit zwölf Jahren jede Kurve nach unten bewegt. Ein Regelkreis ohne Rückkopplung ist kein Regelkreis. Wer Mindeststandards definiert, muss definieren, was passiert, wenn sie ein Jahrzehnt lang verfehlt werden.
+> Der ehrliche Einwand, und warum er nicht reicht
Fairness gehört dazu. Ein Teil des Rückgangs hat Ursachen, die keine Kultusministerin zu verantworten hat. Die Pandemie hat Lernzeit vernichtet. Die Zuwanderung nach 2015 und ab 2022 hat die Schulen vor eine Aufgabe gestellt, für die nie Personal da war. Rund die Hälfte der Jugendlichen ohne Abschluss kommt von Förderschulen, ein statistischer Effekt, der in Empörungsdebatten regelmäßig unterschlagen wird. Und Bildungsforschung misst gut, was der Stand ist, selten sauber, warum.
Das erklärt einen Teil der Zahlen.
Es erklärt nicht, warum die Kompetenzen sinken, während die Ausstattung steigt. Es erklärt nicht, warum an nichtgymnasialen Schulen bis zu jede fünfte Mathematikstunde fachfremd gegeben wird. Und es erklärt schon gar nicht, warum nach zwölf Jahren durchgehend negativer Messreihen niemand den Kurs korrigiert hat.
Pandemie und Migration sind Umstände. Der Umgang damit war eine Kette von Entscheidungen. Und Entscheidungen haben Namen.
Fazit
Ich will die Schulpflicht nicht abschaffen. Ich will, dass sie ihren Preis wert ist.
Die Antwort auf schlechten Unterricht ist besserer Unterricht, nicht weniger Unterricht. Wer die Pflicht streicht, weil das System schwächelt, repariert nichts. Er entlässt die Kinder, deren Eltern es sich leisten können, und lässt den Rest sitzen — also exakt die, für die die Schulpflicht überhaupt erfunden wurde. Das ist keine Befreiung. Das ist eine Sortierung.
Aber der Staat kann sich auch nicht ewig hinter der Legitimität einer Pflicht verstecken, deren Gegenleistung er schuldig bleibt. Zehn Jahre aus dem Leben eines Kindes sind der höchste Preis, den dieses Land regelmäßig von seinen Bürgern verlangt. Für einen Preis in dieser Höhe darf man fragen, was zurückkommt.
Wer neun Jahre Anwesenheit fordert, schuldet neun Jahre Inhalt.
Quellen: IQB-Bildungstrend 2024 (Sekundarstufe I) und 2021 (Primarstufe), Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen; ICILS 2023, Universität Paderborn / IEA; Statistisches Bundesamt zu Schulabgängern ohne Abschluss (Auswertung CORRECTIV, Mai 2026); Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK, Empfehlungen zum Umgang mit dem akuten Lehrkräftemangel; Deutscher Philologenverband zum IQB-Bildungstrend 2024.